Hinter den Kulissen ...
Aus meiner Körperarbeit:
Meine älteste Qi Gong Schülerin ist mittlerweile 92 Jahre alt. Sie ist eine wunderbare Frau und ein echtes Vorbild für jeden wie man würdevoll im Alter leben kann. Sie ist mit 92 Jahren noch bereit Neues zu lernen und vor allem offen für neues Gedankengut.
Einmal die Woche kam ich zu ihr um sie zu massieren und einmal in der Woche gab es eine Qi Gong Gruppe in ihrem wunderschönen Garten. Das ganze Jahr über - Sommer wie Winter.
Vor einiger Zeit hatte sie einen kleinen medizinischen Notfall - etwas ähnliches wie einen Herzinfarkt - und nachdem sie eine Weile im Krankenhaus war, war sie kaum wieder zu erkennen. Bis zu diesem Zeitpunkt ging sie stolz und aufrecht und nun war sie regelrecht gebrochen. Menschen in ihrem Umfeld redeten ihr einen Rollator ein. Sie meinten sie bräuche den nun ab sofort bis an ihr Lebensende. Sie war tief verunsichert. Ich habe mit ihr wieder an ihrem aufrechten Gang gearbeitet und nun geht sie wieder aufrecht wie eine Königin, ohne jegliche Hilfsmittel. Niemand hätte das für möglich gehalten. Ausser ihr und mir. Ich bin ihr zutiefst dankbar für ihr Vertrauen. Welch ein Segen, so einer Frau begegnet zu sein. Leide wohnt sie nun nicht mehr in meinem Umfeld - aber wir haben stets weiter Kontakt.
Aus meiner Theaterarbeit mit Schülern:
Geschichten wie diese erlebe ich dauernd:
2019 habe ich in Taiwan die Regie geführt für die Zauberflöte. Eine komplette Waldorfschule, über 500 Kinder waren beteiligt. Ähnliches hatte ich zuvor in Deutschland/Schweiz mit drei Schulen in der Zusammenarbeit gemacht und das hatte sich bis nach Taiwan „rumgesprochen“.
Ca. 50 Schauspieler in drei Ensembles für drei Aufführungen, 100 Menschen im Orchester und der Rest im Chor. Ich hatte also drei Papagenos mit denen ich gearbeitet habe. Ein Papageno war ein Mädchen und ich wurde schon gewarnt, dass sie eventuell die Rolle nicht spielen können würde, da sie psychisch sehr labil ist und dem Druck vielleicht nicht standhalten kann.
Wir probten und als sie sah wie toll die anderen zwei Papagenos auf der Probe waren, bekam sie es mit der Angst und blockierte, wollte die Rolle nicht mehr spielen und ging nach Hause. Ich hatte nicht viel Probezeit und musste ihr somit sagen, dass sie die Möglichkeit hat es sich bis zum nächsten Tag nochmals zu überlegen, denn wenn sie morgen nicht zur Probe käme, dann könne sie die Rolle tatsächlich nicht spielen.
Am nächsten Tag kam sie wieder, ihre Eltern waren sehr erstaunt. Sie gingen davon aus, dass sie sich, wie sonst auch, tagelang zurückzieht. Irgendetwas schien doch ihre Lust gepackt zu haben.
An dem Aufführungstag war ein weiterer Papageno komplett angezogen als Back-up bereit. Alle waren sich sicher, sie würde nicht auftreten. Ich war mir sicher, sie würde es. Und wie sie auftrat. Sie war wunderbar und zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie sich ihren Ängsten gestellt und sie gemeistert. Die Eltern, die Lehrer sahen ein völlig verwandeltes Kind. Das kann Theater - dieser Erfolg hat ihr künftiges Leben verändert. Es brauchte nur jemand der an sie wahrlich glaubte. In meiner Theaterarbeit darf ich dieser Mensch sein - es ist immer wieder erfüllend.
Einmal habe ich zu einem Jungen gesagt, der eine Hauptrolle bekommen sollte. „Du hast mitbekommen, dass jeder hier in der Schule dir diese Rolle nicht zutraut. Aber ich sehe dich darin, ganz klar. Wir werden Ihnen nun beweisen, dass sie falsch liegen. Okay?“ Der Junge lächelte und war schlußendlich, zum großen Erstaunen aller, der Star des Abends. Die Aufführung war am Ende seiner Schulzeit und er verließ stolz und hoch erhobenen Hauptes diese Schule.
Aus meiner Arbeit als Kletterlehrerin/Erlebnispädagogin mit Kindern:
Viele Jahre habe ich für den DAV eine Kinderklettergruppe geleitet. Eines Tages kam ein Vater zu mir und fragt mich, wie es denn so mit seinem Sohn liefe. Ich sagte, er sei mein bester Sicherer, er klettere aber nicht so gerne wie Andere - aber das wäre okay. Er musste es ja nicht, bei mir gab es keinen Zwang. Der Vater war verwundert und meinte - ob er denn verlässlich sei und das könne - es hängt ja schließlich ein Menschenleben am anderen Ende vom Seil. Ich fragte ihn, warum er denn daran zweifle. Er meinte, daß er in der Schule als ADHS-Kind abgestempelt ist und viel Unruhe und Ärger macht. Ich sagte ihm, dass nichts davon hier zu sehen ist. Natürlich stand ich immer daneben, wie bei jedem anderen Kind auch, um notfalls eingreifen zu können, aber er war stets ruhig, sicher und konzentriert bei der Sache. Er wusste wie wichtig seine Aufgabe hier war und er hatte mein vollstes Vertrauen. Und ich hatte ihn nicht abgestempelt. Hier konnte er, frei von Urteilen, ein völlig anderes Selbst leben. Er war glücklich, seine Eltern waren glücklich und mich freute es zutiefst.